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ZUVIKZuhause, viel Kinderlachen

Zwei Wochen bei Oma an der Nordsee

Bei Oma darf man länger aufbleiben und barfuß durchs Watt laufen. Zurück aus den Ferien, wollen Marie und Ben die Oma-Regeln behalten. Über verschiedene Regeln bei Eltern und Großeltern.

Die Sommerferien begannen für Marie, neun, und Ben, sechs, wie jedes Jahr mit einer Zugfahrt. Ihre Eltern brachten sie zum Bahnhof in Göttingen, setzten sie in den Zug Richtung Norden und gaben sie in Bremen in die Hände von Oma Inge, die sie mit ihrem alten Kombi abholte. Dann ging es weiter nach Dorum an der Nordsee, wo Oma in einem kleinen Haus hinter dem Deich wohnte.

Zwei Wochen lang. Ohne Mama, ohne Papa. Nur Oma, das Meer und der Wind.

Die Oma-Regeln

Bei Oma war vieles anders. Zum Frühstück gab es Brötchen mit Nutella, jeden Tag. Abends durften die Kinder aufbleiben, bis es dunkel wurde, und im Sommer wurde es an der Nordsee sehr spät dunkel. Es gab keinen Fernseher, aber dafür durften sie barfuß durchs Watt laufen, bis die Füße schwarz vom Schlick waren. Zähneputzen fand Oma wichtig, Haare kämmen weniger. Und wenn Ben nach dem Abendbrot noch Hunger hatte, gab es eine Schale Vanillepudding mit Kirschen.

Marie nannte das alles „die Oma-Regeln“, und sie fand sie großartig.

Zu Hause in Göttingen gab es andere Regeln. Nutella nur am Wochenende. Um acht ins Bett, an Schultagen. Fernsehen ja, aber nur eine Stunde. Und Süßes nach dem Abendessen höchstens, wenn es etwas zu feiern gab.

Die Rückkehr

Als die Kinder nach zwei Wochen braungebrannt und mit Sand in allen Taschen zurückkamen, freuten sich ihre Eltern Stefanie und Jonas riesig. Die Wiedersehensfreude dauerte genau bis zum nächsten Morgen.

„Ich will Nutella“, sagte Ben am Frühstückstisch. „Heute ist Montag“, sagte Stefanie. „Nutella gibt es am Wochenende.“ – „Bei Oma gibt es jeden Tag Nutella!“ – „Aber hier sind wir nicht bei Oma.“ Ben verschränkte die Arme und aß nichts.

Am Abend, um acht, wollte Marie nicht ins Bett. „Bei Oma durften wir aufbleiben, bis es dunkel ist!“ Jonas zeigte auf das Fenster, wo die Sonne noch hoch stand. „Hier ist es um acht auch noch hell. Und morgen ist Schule.“ Marie knallte ihre Zimmertür zu.

So ging es eine Woche lang. Jede Regel wurde mit den Oma-Regeln verglichen und für unfair befunden. Stefanie, die Oma Inges Tochter war, wurde immer gereizter. „Mama verwöhnt sie völlig“, sagte sie zu Jonas. „Und wir sind jetzt die Bösen.“

Ein Anruf an der Nordsee

Am Wochenende rief Stefanie ihre Mutter an. Sie wollte eigentlich nur fragen, wie es ihr ging, aber dann sprudelte es aus ihr heraus: die Nutella-Diskussionen, die zugeknallten Türen, das Gefühl, gegen die Großmutter ausgespielt zu werden.

Oma Inge hörte zu. Dann lachte sie. „Weißt du noch, wie du nach den Ferien bei deiner Oma Frieda zurückkamst? Da durftest du jeden Abend Bratkartoffeln mit Spiegelei essen und im Bett lesen, bis du eingeschlafen bist. Und als du zurückkamst, hast du mir eine Woche lang erklärt, wie viel besser alles bei Oma Frieda war.“

Stefanie schwieg. Sie hatte es vergessen. Aber jetzt erinnerte sie sich: an Oma Friedas Bratkartoffeln, an die Taschenlampe unter der Bettdecke, an das Gefühl, bei der Oma etwas Besonderes zu sein.

„Großeltern dürfen anders sein“, sagte Oma Inge. „Ich bin ja nur zwei Wochen im Jahr dran. Ihr seid die anderen fünfzig Wochen dran. Die Kinder wissen das. Gib ihnen ein paar Tage.“

Das Gespräch am Küchentisch

Stefanie und Jonas beschlossen, mit den Kindern zu reden. Nicht vorwurfsvoll, sondern neugierig. Am Sonntagnachmittag setzten sie sich zusammen an den Küchentisch.

„Wir merken, dass ihr die Oma-Regeln vermisst“, sagte Jonas. „Erzählt mal: Was war das Schönste bei Oma?“ Die Kinder erzählten. Vom Watt, von den Krabben, die sie im Priel gefangen hatten, vom Leuchtturm, auf den sie geklettert waren, vom Pudding mit Kirschen. Und je mehr sie erzählten, desto weniger ging es um Regeln, sondern um Erlebnisse.

„Bei Oma ist es wie Urlaub“, sagte Marie schließlich. „Und hier ist es Alltag.“ Stefanie nickte. „Genau. Im Urlaub gelten andere Regeln. Bei Oma ist es Urlaub. Zuhause haben wir Schule und Arbeit, und dafür brauchen wir andere Regeln.“

Ben war noch nicht überzeugt. „Aber kann man nicht ein bisschen Oma mitnehmen?“

Ein bisschen Oma zu Hause

Das fanden alle eine gute Frage. Und sie fanden eine Antwort. Einmal im Monat sollte es zu Hause einen „Oma-Abend“ geben: An diesem Abend durften die Kinder aufbleiben, bis es dunkel wurde, es gab Pudding mit Kirschen, und alle saßen zusammen und erzählten Geschichten, wie Oma es tat, wenn der Wind ums Haus pfiff.

Außerdem rief Oma Inge von nun an jeden Sonntag per Video an. Sie zeigte den Kindern das Watt bei Ebbe, die Möwen auf dem Deich, die Rosen in ihrem Garten. Und die Kinder zeigten ihr ihre Schulhefte, ihre selbst gebauten Legotürme, den Wackelzahn, der endlich herausgefallen war.

Die Nutella-Diskussionen hörten nach zwei Wochen auf. Die zugeknallten Türen auch.

Was Stefanie lernte

Stefanie dachte noch oft über das Gespräch mit ihrer Mutter nach. Sie hatte die Oma-Regeln als Konkurrenz empfunden, als würde ihre Mutter ihre Erziehung untergraben. Aber eigentlich, so verstand sie jetzt, waren sie ein Geschenk. Die Kinder erlebten bei Oma eine andere Welt, eine freiere, langsamere. Und sie lernten dabei, dass verschiedene Orte verschiedene Regeln haben können. Das war vielleicht sogar eine wichtige Lektion.

Wichtig war nur, dass die Erwachsenen sich gegenseitig nicht schlechtmachten. Oma Inge sagte nie „Bei mir dürft ihr das, weil eure Eltern zu streng sind“. Und Stefanie sagte nie „Oma verwöhnt euch zu sehr“. Sie sagten beide: „Bei Oma ist es so, und zu Hause ist es so.“

Der Brief von Oma Inge

Im Herbst kam ein Brief aus Dorum, adressiert an Marie und Ben. Oma Inge schrieb selten Briefe, sie telefonierte lieber. Aber diesmal steckten in dem Umschlag zwei getrocknete Seesterne, eine Postkarte vom Leuchtturm und ein Zettel in Omas runder Handschrift:

„Liebe Marie, lieber Ben, hier ist es jetzt still. Die Urlauber sind weg, und die Gänse ziehen über den Deich. Ich denke oft an euch und an die schwarzen Füße. Eure Mama hat mir erzählt, dass es zuhause einen Oma-Abend gibt. Das finde ich wunderbar. Aber denkt daran: Eure Eltern machen die Regeln für jeden Tag, und das ist viel schwerer als meine Regeln für zwei Wochen. Seid ein bisschen nett zu ihnen. Bis zum nächsten Sommer, eure Oma Inge.“

Marie las den Brief laut vor. Ben fragte, ob er die Seesterne in seinem Zimmer aufhängen dürfe. Und Stefanie, die in der Küche stand und zuhörte, musste sich kurz umdrehen, damit die Kinder nicht sahen, wie gerührt sie war.

Für euren Alltag

Bei Großeltern gelten oft andere Regeln als zu Hause, besonders in den Ferien. Das kann bei der Rückkehr zu Konflikten führen, ist aber auch eine Chance. Was Maries Familie geholfen hat:

  • Gebt Kindern Zeit zum Umschalten. Nach Ferien bei den Großeltern brauchen Kinder oft einige Tage, um sich wieder an den Alltag zu gewöhnen. Proteste sind normal und gehen meistens vorbei.
  • Unterscheidet zwischen Urlaub und Alltag. Kinder können gut verstehen, dass im Urlaub andere Regeln gelten als in der Schulzeit.
  • Fragt nach Erlebnissen statt Regeln. Wenn Kinder von den Ferien erzählen, geht es meist nicht um Nutella, sondern um das Gefühl von Freiheit und Zuwendung.
  • Nehmt etwas mit in den Alltag. Ein Ritual aus den Ferien, das gelegentlich zu Hause wiederholt wird, kann den Übergang erleichtern.
  • Sprecht nicht schlecht übereinander. Eltern und Großeltern sollten vor den Kindern nicht die Regeln der anderen kritisieren. Unterschiede dürfen sein, Abwertung nicht.
  • Klärt wichtige Punkte vorher. Was wirklich wichtig ist, etwa Sicherheit, Medikamente oder Allergien, sollten Eltern und Großeltern vor den Ferien klar absprechen. Bei allem anderen darf es Spielraum geben.

Zum Gespräch mit euren Kindern

Fragt nach den nächsten Ferien bei den Großeltern: Was war das Schönste? Was hast du Neues erlebt? Und was davon möchtest du gern manchmal auch zu Hause machen?

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