Die Laterne, die schief hing
Frieda wünscht sich eine perfekte Fuchslaterne, doch Papa kann nicht basteln, und am Abend vor dem Umzug geht alles schief. Über Perfektionismus, Teilen und den Sinn von Sankt Martin.
Der Zettel hing Anfang Oktober an der Pinnwand der Kita in Köln-Ehrenfeld, mit einem gemalten Pferd und einem Mann mit rotem Mantel. „Liebe Eltern, am Donnerstag, den 22. Oktober, laden wir zum Laternenbastelnachmittag ein. Bitte bringt gute Laune und eine Schere mit. Der Martinsumzug findet am 11. November um 17 Uhr statt.“
Malte las den Zettel zweimal und spürte ein leichtes Unbehagen. Er war Elektriker, er konnte Leitungen verlegen und Sicherungskästen verdrahten. Aber Basteln mit Kleister, Transparentpapier und Pappe gehörte nicht zu seinen Stärken. Bei Friedas Kita-Geburtstag im Frühling hatte er eine Krone gebastelt, die schon beim Aufsetzen auseinandergefallen war.
„Papa“, sagte Frieda, fünf Jahre alt, die neben ihm an der Pinnwand stand, „ich will eine Fuchslaterne. So wie die von Lotta letztes Jahr.“
Der Bastelnachmittag
Der Gruppenraum der Füchse roch nach Kleister und Kakao. An den Tischen saßen Eltern auf viel zu kleinen Stühlen, neben ihnen die Kinder mit Schürzen, die ihnen bis zu den Knöcheln reichten. Auf jedem Tisch lagen Käseschachteln, Transparentpapier in allen Farben, Draht und Scheren.
Lottas Mutter, Annika, hatte eine eigene Mappe mitgebracht. Darin lagen Schablonen, die sie zu Hause am Computer ausgedruckt hatte: ein Fuchskopf mit spitzen Ohren, ein buschiger Schwanz, Augen aus schwarzem Tonpapier. Sie schnitt mit einer kleinen Nagelschere jede Kante millimetergenau nach. Lotta saß daneben und malte ein Bild.
Malte und Frieda hatten keine Schablone. Malte zeichnete einen Fuchskopf freihändig auf orangefarbenen Karton, und er sah eher aus wie eine Katze mit Zahnschmerzen. Frieda wollte selbst schneiden, und Malte ließ sie. Die Ohren wurden unterschiedlich lang. Beim Kleben rutschte das Transparentpapier, und eine Seite bekam Falten. Der Schwanz, den Frieda mit großer Hingabe aus Wollresten zusammengeknotet hatte, hing schließlich schief an der Seite herunter wie ein müder Pinsel.
„Der ist schief“, sagte Frieda und sah zu Lottas Laterne hinüber, die aussah wie aus einem Katalog.
„Ein bisschen“, gab Malte zu.
Ein Fuchs mit Schlagseite
Zu Hause stellte Frieda die Laterne auf die Fensterbank in ihrem Zimmer und betrachtete sie lange. Malte sah, wie sie mit sich rang. Einerseits hatte sie die Ohren selbst geschnitten und den Schwanz selbst geknotet. Andererseits war da Lottas perfekter Fuchs.
„Kannst du noch eine machen?“, fragte sie beim Abendessen. „Eine richtige?“
Malte spürte einen kleinen Stich. Er dachte an Annika mit ihrer Nagelschere und ihren Schablonen, und für einen Moment war er versucht, im Internet eine fertige Fuchslaterne zu bestellen. Es gab sie für zwölf Euro neunundneunzig, mit Lieferung bis übermorgen.
Seine Frau Derya, die Krankenschwester war und an diesem Abend früher Dienstschluss hatte, sah ihn über den Tisch hinweg an. „Frieda“, sagte sie, „was gefällt dir denn an deiner Laterne?“
Frieda überlegte. „Der Schwanz“, sagte sie schließlich. „Den hab ich ganz allein gemacht. Und die Ohren.“ Sie zögerte. „Aber Lottas ist schöner.“
„Lottas ist ordentlicher“, sagte Derya. „Ob sie schöner ist, das ist eine andere Frage.“ Malte bestellte keine Laterne.
Der Abend vor dem Umzug
Am 10. November, dem Abend vor dem Martinsumzug, regnete es in Köln, wie es im November in Köln eben regnet: nicht stark, aber unaufhörlich. Malte holte Frieda mit dem Lastenrad von der Kita ab. Die Laterne hatte sie mitnehmen wollen, um sie den Erzieherinnen zu zeigen. Er hatte sie in eine Plastiktüte gesteckt und auf die Bank im Lastenrad gelegt.
An der Ampel bremste er scharf, weil ein Auto abbog. Die Tüte rutschte nach vorn, Frieda rutschte hinterher, und als sie zu Hause ankamen, war der Fuchs eingedrückt. Ein Ohr war abgeknickt, das Transparentpapier auf einer Seite gerissen.
Frieda weinte. Nicht laut, sondern still und verzweifelt, so wie Kinder weinen, wenn etwas wirklich Wichtiges kaputt ist. „Jetzt hab ich gar keine Laterne mehr“, schluchzte sie. „Und morgen ist Sankt Martin.“
Malte setzte sich mit ihr auf den Boden im Flur, die nasse Jacke noch an, und nahm sie in den Arm. Er fühlte sich schuldig und hilflos zugleich. Dann sagte er: „Weißt du eigentlich, was Sankt Martin gemacht hat?“
Was Sankt Martin eigentlich gemacht hat
Frieda kannte das Lied, natürlich. „Er hat seinen Mantel geteilt“, sagte sie und wischte sich die Nase am Ärmel ab. „Mit einem Bettler.“
„Genau. Martin war ein Soldat, und er ritt an einem kalten Abend in eine Stadt. Am Tor saß ein Mann, der fast nichts anhatte und fror. Alle anderen sind an ihm vorbeigegangen. Martin hatte kein Geld dabei, nur seinen Mantel. Und da hat er sein Schwert genommen und den Mantel in zwei Hälften geschnitten.“
„Dann hatte er nur noch einen halben Mantel“, sagte Frieda.
„Ja. Und der Bettler auch. Das war bestimmt nicht schön anzusehen. Zwei Männer mit halben Mänteln. Aber beiden war warm.“ Malte machte eine Pause. „Martin hat nicht darauf gewartet, dass er einen perfekten zweiten Mantel hat. Er hat das gegeben, was er hatte.“
Frieda dachte darüber nach. Dann fragte sie: „Kann man eine kaputte Laterne reparieren?“
Reparieren und teilen
Sie reparierten sie zusammen am Küchentisch. Malte holte das Isolierband aus seiner Werkzeugkiste, schwarz und rot. Das abgeknickte Ohr bekam eine Schiene aus einem Eisstiel. Das gerissene Transparentpapier flickte Frieda mit einem Stück gelbem Papier, das sie in Form eines Sterns ausschnitt. Am Ende hatte der Fuchs ein bandagiertes Ohr, einen Stern auf der Wange und immer noch einen schiefen Schwanz. Er sah aus wie ein Fuchs, der schon einiges erlebt hatte.
Beim Aufräumen erzählte Frieda etwas, das sie offenbar schon länger beschäftigte. „Yusuf hat keine Laterne“, sagte sie. Yusuf war erst seit drei Wochen in der Kita; seine Familie war im Sommer aus dem Irak nach Köln gekommen. Er hatte beim Bastelnachmittag gefehlt, weil seine Eltern den Zettel nicht hatten lesen können.
Derya und Malte sahen sich an. „Dann machen wir ihm eine“, sagte Derya. Sie spülte ein leeres Marmeladenglas aus. Frieda beklebte es mit Transparentpapierschnipseln in allen Farben, die vom Fuchs übrig geblieben waren. Malte bog aus einem Stück Draht einen Henkel und band das Glas an einen Stock. Hinein kam ein kleines LED-Teelicht. Es war keine Fuchslaterne. Aber es leuchtete bunt wie ein Kirchenfenster.
Der Umzug
Am 11. November um fünf Uhr nachmittags hatte der Regen aufgehört. Vor der Kita versammelten sich die Familien, die Kinder mit ihren Laternen, die Eltern mit Thermoskannen. Vorneweg ritt ein Mann mit rotem Mantel auf einem geduldigen braunen Pferd. Der Posaunenchor der Gemeinde stimmte „Ich geh mit meiner Laterne“ an.
Yusuf stand etwas abseits neben seiner Mutter, die Hände in den Jackentaschen. Frieda ging zu ihm hinüber, das Marmeladenglas in der Hand, und streckte es ihm hin. „Für dich. Das hab ich gemacht. Mit Papa.“ Yusuf sah das Glas an, dann Frieda, dann seine Mutter. Seine Mutter lächelte und sagte etwas auf Arabisch, und Yusuf nahm den Stock mit beiden Händen.
Sie gingen nebeneinander durch die dunklen Straßen von Ehrenfeld, ein Fuchs mit verbundenem Ohr und ein buntes Glas, und hinter ihnen Lotta mit ihrem perfekten Fuchs. Beim Martinsfeuer auf dem Schulhof gab es für jedes Kind einen Weckmann mit Tonpfeife. Frieda brach ihren in zwei Hälften und gab die eine Hälfte Yusuf, obwohl er selbst einen hatte. „Wie Sankt Martin“, erklärte sie ihm ernst. Yusuf lachte und biss hinein.
Auf dem Heimweg sagte Lotta zu Frieda: „Dein Fuchs sieht lustig aus. Der hat ein Pflaster.“ Frieda nickte zufrieden. „Der hat ja auch was erlebt.“
Für euren Alltag
Sankt Martin gehört für viele Kinder zu den schönsten Festen des Jahres: Licht in der dunklen Jahreszeit, gemeinsames Singen, ein Feuer, ein süßes Gebäck. Gleichzeitig kann gerade das Laternenbasteln Eltern unter Druck setzen, besonders wenn andere scheinbar perfekte Ergebnisse vorzeigen. Was Friedas Familie geholfen hat:
- Das Kind machen lassen. Eine Laterne, an der das Kind selbst geschnitten, geklebt und geknotet hat, bedeutet ihm meist mehr als eine perfekte, bei der es nur zugesehen hat. Schiefe Ohren gehören dazu.
- Nicht vergleichen, sondern fragen. „Was gefällt dir an deiner Laterne?“ lenkt den Blick auf das, was das Kind selbst geschafft hat, statt auf das, was andere haben.
- Kaputtes reparieren statt ersetzen. Ein geflicktes Ohr erzählt eine Geschichte. Kinder lernen dabei, dass Dinge nicht wertlos werden, nur weil sie nicht mehr makellos sind.
- Die Legende erzählen. Die Geschichte vom geteilten Mantel ist kurz und für Kinder gut zu verstehen. Sie gibt dem Fest einen Sinn, der über Licht und Lieder hinausgeht.
- An neue Familien denken. Nicht jede Familie kennt die Traditionen oder kann die Elternbriefe lesen. Ein kurzer persönlicher Hinweis oder eine zweite, schnell gebastelte Laterne kann viel bewirken.
- Auf Sicherheit achten. Elektrische Laternenstäbe oder LED-Lichter sind für kleine Kinder sicherer als echte Kerzen, besonders bei Wind und Gedränge.
Zum Gespräch mit euren Kindern
- Warum hat Sankt Martin seinen Mantel nicht ganz verschenkt, sondern geteilt?
- Was ist dir wichtiger: dass etwas perfekt aussieht oder dass du es selbst gemacht hast?
- Kennst du jemanden in der Kita oder Schule, der neu ist und vielleicht noch nicht weiß, wie bei uns gefeiert wird?
- Was könntest du mit jemandem teilen, auch wenn du dann selbst nur noch die Hälfte hast?