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ZUVIKZuhause, viel Kinderlachen

Videoanruf nach Izmir

Yusufs Großeltern leben in der Türkei. Nähe entsteht über einen Bildschirm, mit gemischten Sprachen und einem Feigenbaum zwischen zwei Ländern. Eine Geschichte über Großeltern in der Ferne.

Jeden Sonntag um vier Uhr nachmittags klingelte das Tablet in der Wohnung der Familie Aydın in Stuttgart. Auf dem Bildschirm erschienen zwei Gesichter, ein wenig zu nah an der Kamera, mit einem Feigenbaum im Hintergrund: Babaanne und Dede, Yusufs Großeltern väterlicherseits, in ihrem Garten in Izmir.

„Merhaba, Yusuf! Nasılsın?“ rief Babaanne, und Yusuf, sieben Jahre alt, antwortete: „İyiyim, Babaanne!“ Dann ging es meistens auf Deutsch weiter, oder auf Türkisch, oder auf einer Mischung aus beidem, die nur in dieser Familie verstanden wurde.

Zwei Sprachen, eine Familie

Yusuf war in Stuttgart geboren, ging dort in die zweite Klasse und sprach Deutsch so flüssig wie seine Klassenkameraden. Türkisch sprach er mit seinem Vater Emre und mit den Großeltern, aber nicht so gut. Ihm fehlten oft die Wörter, und wenn er sie suchte, wurde er ungeduldig und wechselte ins Deutsche. Seine Mutter Laura sprach kaum Türkisch; sie hatte es in den letzten Jahren gelernt, aber nur so weit, dass sie Grüße und einfache Sätze verstand.

Babaanne und Dede sprachen ein wenig Deutsch. Dede hatte in den Siebzigerjahren zehn Jahre in Deutschland gearbeitet, in einer Fabrik in Sindelfingen, und war dann zurückgegangen. Babaanne hatte Deutsch nie gelernt.

So waren die Videoanrufe immer ein bisschen chaotisch. Babaanne fragte etwas, Yusuf verstand es nicht ganz, Emre übersetzte, Laura lächelte und nickte, und Dede machte Witze auf Deutsch, die so alt waren, dass Yusuf sie schon auswendig kannte.

Das Gefühl, etwas zu verlieren

An einem Sonntag im Herbst war Yusuf unkonzentriert. Er wollte lieber mit seinen Freunden draußen spielen. Als Babaanne ihn auf Türkisch fragte, was er in der Schule gelernt hatte, antwortete er auf Deutsch, kurz und gelangweilt. Babaanne verstand nicht. Emre übersetzte. Babaanne nickte, aber Emre sah, wie traurig sie aussah.

Nach dem Anruf sprach Emre mit Laura. „Ich habe Angst, dass er die Sprache verliert“, sagte er. „Und dass er meine Eltern verliert. Sie sind so weit weg, und er sieht sie nur einmal im Jahr. Für ihn sind sie Menschen auf einem Bildschirm.“

Laura verstand ihn. Ihre eigenen Eltern lebten in Ludwigsburg, eine halbe Stunde entfernt, und Yusuf sah sie jede Woche. Für ihn waren das die richtigen Großeltern, mit denen man Ausflüge machte und bei denen man übernachtete. Die Großeltern in Izmir waren eine Mischung aus Liebe und Fremdheit.

Ein gemeinsames Projekt über den Bildschirm

Laura hatte eine Idee. „Was wäre, wenn die Anrufe nicht nur Gespräche wären, sondern etwas, das sie zusammen machen?“ Emre sah sie fragend an.

Beim nächsten Anruf schlug Emre seinem Vater vor: „Baba, zeig Yusuf doch deinen Garten. Erzähl ihm von den Pflanzen.“ Dede, der seinen Garten liebte, war sofort begeistert. Er trug das Telefon durch den Garten und zeigte jede Pflanze: die Tomaten, die Paprika, die Minze, den Granatapfelbaum, und vor allem den alten Feigenbaum, den sein eigener Vater gepflanzt hatte.

„Dieser Baum ist älter als ich“, erzählte Dede auf Deutsch. „Und jedes Jahr im August hat er Hunderte Feigen.“

Yusuf war fasziniert. Er hatte noch nie eine frische Feige gegessen, nur getrocknete aus dem Supermarkt. „Kann ich auch einen Feigenbaum haben?“, fragte er.

Der Ableger

Im nächsten Sommer flog die Familie nach Izmir. Dede nahm Yusuf mit in den Garten, und gemeinsam schnitten sie einen Zweig vom alten Feigenbaum ab. Dede zeigte ihm, wie man den Zweig in einen Topf mit Erde steckt und gießt. „Wenn er Wurzeln bekommt, kannst du ihn mit nach Deutschland nehmen“, erklärte er.

Der Zweig bekam Wurzeln. Am Ende der Ferien fuhr er im Handgepäck mit nach Stuttgart, eingewickelt in feuchtes Zeitungspapier. Zuhause pflanzte Yusuf ihn in einen großen Topf auf dem Balkon.

Von da an hatten die Videoanrufe ein neues Thema. Jeden Sonntag zeigte Yusuf seinem Dede, wie der kleine Feigenbaum wuchs. Und Dede zeigte ihm den großen Feigenbaum in Izmir. Sie verglichen die Blätter, sprachen übers Gießen, und Yusuf lernte dabei Wörter, die er vorher nie gebraucht hatte: yaprak für Blatt, kök für Wurzel, sulamak für gießen. Er lernte sie gern, weil er sie brauchte.

Babaannes Geschichten

Auch Babaanne fand ihren Weg. Sie begann, Yusuf bei jedem Anruf eine kurze Geschichte vorzulesen, aus einem alten türkischen Kinderbuch, das sie aus dem Regal geholt hatte. Die Geschichten von Nasreddin Hoca, dem klugen, schelmischen Mann mit dem Esel. Emre übersetzte schwierige Stellen, aber oft verstand Yusuf genug, um zu lachen.

Laura bestellte das Buch in einer zweisprachigen Ausgabe. Abends las sie Yusuf die deutsche Fassung vor, am Sonntag hörte er die türkische von Babaanne. Und eines Tages erzählte Yusuf seiner Großmutter eine der Geschichten nach, auf Türkisch, holprig und mit vielen deutschen Wörtern dazwischen. Babaanne lachte und weinte gleichzeitig.

Die erste Feige

Zwei Jahre nachdem Yusuf den Zweig in den Topf gepflanzt hatte, hing an seinem kleinen Feigenbaum die erste Frucht. Sie war winzig, grün und hart, und Yusuf sah jeden Morgen nach ihr. Im September wurde sie weich und dunkel. Er pflückte sie und hielt sie vor die Kamera, als Dede anrief.

Dede beugte sich so nah an den Bildschirm, dass man nur noch sein Auge sah. Dann richtete er sich auf und rief Babaanne. Die beiden standen vor ihrem Feigenbaum in Izmir und betrachteten die eine kleine Feige auf dem Balkon in Stuttgart, als wäre sie ein Wunder.

„Du musst sie teilen“, sagte Dede auf Türkisch, und Yusuf verstand jedes Wort. „Die erste Frucht teilt man immer.“ Yusuf holte ein Messer und schnitt die Feige in vier Stücke: eines für sich, eines für Papa, eines für Mama. Das vierte legte er vor das Tablet. „Das ist für euch“, sagte er. Dede lachte, und Babaanne wischte sich die Augen.

Später aß Emre das vierte Stück, stellvertretend. Er sagte, es habe genau so geschmeckt wie die Feigen seiner Kindheit. Laura war sich nicht sicher, ob das stimmen konnte, bei einem Baum auf einem Stuttgarter Balkon. Aber sie verstand, was er meinte.

Für euren Alltag

Viele Kinder haben Großeltern, die weit entfernt leben, in einer anderen Stadt oder einem anderen Land. Videoanrufe können Nähe schaffen, wenn sie mehr sind als Pflichtgespräche. Was Yusufs Familie geholfen hat:

  • Macht Anrufe zu gemeinsamen Erlebnissen. Ein gemeinsames Thema, etwa eine Pflanze, ein Haustier, ein Bastelprojekt oder eine Vorlesegeschichte, gibt Gesprächen Inhalt und Struktur.
  • Wählt einen guten Zeitpunkt. Kinder sind aufmerksamer, wenn sie nicht gerade spielen wollen oder müde sind. Ein fester, gut gewählter Termin hilft.
  • Lasst die Großeltern ihre Welt zeigen. Garten, Küche, Nachbarschaft, Fotos: Kinder interessieren sich oft für das konkrete Leben ihrer Großeltern.
  • Unterstützt die Familiensprache spielerisch. Kinder lernen Wörter, die sie wirklich brauchen. Gemeinsame Projekte schaffen solche Anlässe. Zweisprachige Bücher können helfen.
  • Nutzt Besuche bewusst. Wenn Familien sich nur selten sehen, sind gemeinsame Erinnerungen, etwa ein Ableger, ein selbst gemachtes Geschenk oder Fotos, wertvolle Verbindungsstücke für die Zeit danach.
  • Habt Geduld mit der Sprache. Mehrsprachige Kinder mischen Sprachen. Das ist normal und kein Zeichen von Schwäche.

Zum Gespräch mit euren Kindern

Fragt: Was möchtest du deinen Großeltern beim nächsten Anruf zeigen? Und was möchtest du über ihr Leben wissen? Manchmal reicht eine Frage, um ein ganzes Gespräch in Gang zu setzen.

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