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ZUVIKZuhause, viel Kinderlachen

Silvester mit Angst vor dem Knallen

Letztes Jahr hat sich Noah an Silvester schreiend unter dem Bett versteckt. Diesmal plant die Familie anders. Über Ängste, gute Vorbereitung und eine Mitternacht um sieben Uhr abends.

Es begann schon am 28. Dezember. Irgendwo im Hinterhof des Mietshauses in Berlin-Neukölln explodierte ein Böller, laut wie ein Schuss, und das Echo hallte zwischen den Hauswänden hin und her. Noah, fünf Jahre alt, ließ seinen Löffel fallen, rannte aus der Küche und verschwand in seinem Zimmer. Als seine Mutter Svenja ihm folgte, fand sie ihn unter dem Bett, die Hände auf den Ohren, zusammengerollt wie ein Igel.

„Ist nur ein Knaller“, sagte Svenja leise und legte sich auf den Boden, damit er ihr Gesicht sehen konnte. „Draußen. Ganz weit weg von uns.“

Noah schüttelte den Kopf. Er kam erst wieder hervor, als es eine halbe Stunde lang still geblieben war.

Die Erinnerung an das letzte Jahr

Svenja und ihr Mann Thomas wussten, was das bedeutete. Im vergangenen Jahr hatten sie Silvester bei Freunden in Kreuzberg gefeiert, in einer Wohnung im fünften Stock mit Blick über die Dächer. Um Mitternacht hatten alle am Fenster gestanden, um das Feuerwerk zu sehen, und Thomas hatte Noah auf dem Arm gehalten. Als die ersten Raketen explodierten, war Noah so heftig erschrocken, dass er sich nicht mehr beruhigen ließ. Er hatte geschrien, bis er heiser war, und am Ende hatte er sich unter dem Gästebett der Freunde verkrochen. Sie waren um halb eins nach Hause gefahren, durch Straßen voller Rauch und Lärm, mit einem zitternden Kind auf dem Rücksitz.

Noahs große Schwester Marie, neun, hatte das anders erlebt. Für sie war Silvester das Größte: das Aufbleiben, die Lichter, die bunten Kugeln am Himmel. „Dieses Jahr will ich aber bis Mitternacht wachbleiben“, hatte sie schon im November angekündigt. „Und Raketen gucken. Und nicht wegen Noah früher nach Hause.“

Svenja und Thomas standen vor einem Dilemma. Zwei Kinder, zwei völlig verschiedene Wünsche, eine einzige Nacht.

Was hinter der Angst steckt

Am Abend des 28. Dezember setzte sich Svenja mit Noah auf das Sofa und fragte ihn, was ihm an den Knallern eigentlich Angst machte. Noah dachte lange nach. „Dass es so laut ist“, sagte er. „Und dass man nicht weiß, wann es kommt. Und dass es vielleicht kaputt macht.“

„Was kaputt macht?“

„Das Haus. Oder uns.“

Svenja verstand, dass Noah nicht einfach nur Angst vor Lärm hatte. Er wusste nicht, was ein Böller war, wie er funktionierte und warum die Menschen ihn anzündeten. Für ihn war es eine unberechenbare Gefahr, die aus dem Nichts kam.

In der Stadtbibliothek liehen sie am nächsten Tag ein Bilderbuch über Silvester aus, in dem ein kleiner Bär sich vor dem Feuerwerk fürchtete. Thomas erklärte Noah am Küchentisch mit Papier und Stiften, was in einer Rakete steckt: ein bisschen Pulver, das brennt, und kleine Kügelchen, die in Farben leuchten, wenn sie heiß werden. Er erklärte ihm, dass das Knallen nur Luft ist, die sehr schnell auseinandergeht. „Es ist laut, aber es kann unser Haus nicht kaputtmachen“, sagte Thomas. „Und uns auch nicht, wenn wir drinnen sind.“

Ein Plan für zwei Kinder

Mit Marie und Noah zusammen machten Svenja und Thomas einen Plan für Silvester. Sie würden dieses Jahr zu Hause feiern, in der eigenen Wohnung, wo Noah sich auskannte und einen sicheren Rückzugsort hatte. Sie würden Freunde einladen, eine befreundete Familie aus dem Haus, deren Kinder ungefähr so alt waren wie Marie und Noah.

Und sie würden zweimal Mitternacht feiern.

„Zweimal?“, fragte Marie misstrauisch.

„Einmal um sieben Uhr abends“, erklärte Svenja. „Das ist Kindermitternacht. Da zählen wir alle zusammen rückwärts, stoßen mit Kinderpunsch an und machen Wunderkerzen auf dem Balkon. Dann geht Noah ins Bett. Und du darfst aufbleiben, bis zur richtigen Mitternacht, und mit Papa am Fenster das Feuerwerk anschauen.“

Marie überlegte. „Und wenn Noah um Mitternacht aufwacht?“

„Dann ist Mama bei ihm“, sagte Thomas. „Und wenn er will, darf er auch ans Fenster. Aber nur, wenn er will.“

Noah bekam außerdem einen Gehörschutz, einen richtigen, mit großen blauen Kapseln, wie ihn die Bauarbeiter tragen. Er probierte ihn sofort aus und lief damit durch die ganze Wohnung. „Ich höre nur noch mein Herz“, sagte er begeistert.

Der Silvesterabend

Am 31. Dezember war es schon ab Mittag laut in Neukölln. Noah zuckte jedes Mal zusammen, aber er rannte nicht mehr unter das Bett. Wenn es ihm zu viel wurde, setzte er seinen Gehörschutz auf und spielte mit seinen Bausteinen weiter, als wäre nichts.

Am Nachmittag kam die Familie aus dem dritten Stock, Ayşe und Kemal mit ihren Kindern Defne und Emir. Sie spielten Spiele, aßen Raclette, und um halb sieben gab es Wachsgießen. Statt Blei, das schon seit Jahren nicht mehr verkauft werden darf, schmolzen sie Wachsreste in einem alten Löffel über einer Kerze und gossen sie in eine Schüssel mit kaltem Wasser. Noahs Figur sah aus wie ein Drache. „Das bedeutet, dass du im neuen Jahr sehr mutig wirst“, sagte Ayşe, die das Deuten mit großer Ernsthaftigkeit betrieb.

Um sieben Uhr versammelten sich alle im Wohnzimmer. Thomas hatte die Wanduhr auf zwei Minuten vor zwölf gestellt. Die Kinder zählten im Chor: „Zehn, neun, acht ...“, und bei Null riefen alle „Frohes neues Jahr!“ und stießen mit Kinderpunsch an. Dann gingen sie auf den Balkon und zündeten Wunderkerzen an. Noah hielt seine ganz fest und malte Kreise in die Dunkelheit. Er hatte keinen Gehörschutz auf. Als irgendwo eine Rakete pfiff, sah er hoch, zögerte – und malte weiter.

Um Mitternacht

Noah schlief um acht, den Gehörschutz neben dem Kissen. Marie, Defne und Emir hielten tapfer durch, mit Brettspielen, Popcorn und einem Film. Um zwölf Uhr standen sie mit Thomas und Kemal am Wohnzimmerfenster, und der Himmel über Neukölln explodierte in allen Farben.

Svenja saß im Kinderzimmer bei Noah. Um zwei Minuten nach zwölf wachte er auf. Er sah sie an, verwirrt, und hörte das Krachen von draußen. Dann griff er nach dem Gehörschutz und setzte ihn auf. „Mama“, sagte er, viel zu laut, weil er sich selbst kaum hörte, „ich will gucken.“

Svenja nahm ihn auf den Arm und trug ihn ins Wohnzimmer. Marie machte ihm am Fenster Platz. Noah sah in den Himmel, die Hände an den blauen Kapseln, und sah goldenen Regen, rote Sterne und grüne Kugeln, die zersprangen und langsam verglühten. Er sagte nichts. Er schaute nur.

Nach fünf Minuten sagte er: „Jetzt reicht's.“ Svenja brachte ihn zurück ins Bett. Er schlief sofort wieder ein.

Am Neujahrsmorgen, beim Frühstück, erzählte Noah allen, die es hören wollten, dass er um Mitternacht das Feuerwerk gesehen habe. Zweimal sogar: einmal um sieben und einmal richtig. „Ich war ein Drache“, sagte er. „Wie beim Wachs.“

Für euren Alltag

Viele Kinder fürchten sich vor dem Lärm an Silvester, besonders in Städten, in denen tagelang geknallt wird. Diese Angst ist nachvollziehbar und kein Zeichen von Schwäche. Mit Vorbereitung, Verständnis und einem guten Plan kann der Jahreswechsel trotzdem für alle schön werden. Was Noahs Familie geholfen hat:

  • Die Angst verstehen wollen. Fragt nach, wovor genau das Kind sich fürchtet. Oft steckt hinter der Angst vor Lärm auch Unwissen darüber, was eigentlich passiert.
  • Erklären, was ein Feuerwerk ist. Bilderbücher und einfache Erklärungen helfen Kindern, das Unbekannte einzuordnen und die Gefahr realistischer einzuschätzen.
  • Einen sicheren Ort schaffen. Die eigene Wohnung mit einem vertrauten Rückzugsort gibt ängstlichen Kindern oft mehr Sicherheit als eine Party bei anderen.
  • Gehörschutz anbieten. Kapselgehörschutz für Kinder dämpft den Lärm deutlich und gibt ihnen das Gefühl, selbst etwas tun zu können.
  • Eine Kindermitternacht feiern. Ein früher Countdown mit Punsch und Wunderkerzen lässt jüngere Kinder am Fest teilhaben, ohne dass sie bis Mitternacht wach bleiben müssen.
  • Nicht zwingen. Ob ein Kind das Feuerwerk anschauen will, sollte es selbst entscheiden dürfen. Mut wächst, wenn man ihn freiwillig zeigt.
  • Geschwister mitdenken. Ältere Kinder haben eigene Wünsche. Ein Plan, der beide berücksichtigt, verhindert, dass die Angst des einen die Freude des anderen verdrängt.

Zum Gespräch mit euren Kindern

  • Gibt es Geräusche, die dir Angst machen? Was hilft dir dann?
  • Was glaubst du, wie ein Feuerwerk funktioniert?
  • Was ist dir an Silvester am wichtigsten: das Aufbleiben, die Lichter oder etwas ganz anderes?
  • Was hättest du an Noahs Stelle gemacht, als er um Mitternacht aufgewacht ist?

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