Mama im Homeoffice
Yasemin arbeitet von zu Hause, und Elias versteht nicht, warum Mama da ist und trotzdem keine Zeit hat. Über Homeoffice mit Kindern, eine Ampel an der Tür und eine Viertelstunde für alle.
„Mama, guck mal! Ich hab einen Drachen gebaut!“
Elias, sechs Jahre alt, stand in der Tür des kleinen Arbeitszimmers, in der Hand ein Gebilde aus Klopapierrollen, Wollfäden und sehr viel Klebeband. Hinter ihm, auf dem Bildschirm von Yasemins Laptop, waren acht Gesichter zu sehen, in kleinen Kacheln, und alle schauten jetzt auf Elias.
Yasemin, die gerade dabei gewesen war, die Quartalszahlen ihrer Abteilung vorzustellen, spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. „Elias, Schatz, ich bin gerade in einer Besprechung“, sagte sie leise, mit einem gezwungenen Lächeln in die Kamera. „Zeig ihn mir gleich, ja?“
Elias rührte sich nicht. „Aber er kann fliegen“, sagte er. „Wirklich.“
Einer der Kollegen lachte. Yasemin wusste nicht, ob er es freundlich meinte. Sie stand auf, führte Elias sanft, aber bestimmt hinaus und schloss die Tür. Als sie sich wieder setzte, hörte sie ihn draußen weinen.
Da und doch nicht da
Yasemin arbeitete seit zwei Jahren überwiegend im Homeoffice, als Projektleiterin bei einem Versicherungsunternehmen in Bonn. Sie hatte sich das so gewünscht. Kein Pendeln mehr, mehr Zeit für die Familie, die Möglichkeit, Elias mittags vom Kindergarten abzuholen. Ihr Mann Daniel arbeitete als Rettungssanitäter im Schichtdienst und war oft zu unregelmäßigen Zeiten zu Hause.
Aber seit Elias in die Schule gekommen war und schon um halb zwölf Schluss hatte, funktionierte das Modell nicht mehr. Er kam mittags nach Hause, und Yasemin war da. Und doch nicht da. Sie saß hinter einer Tür, telefonierte, tippte, war in Gedanken bei Tabellen und Terminen. Für Elias war das schwer zu verstehen. Wenn Mama zu Hause ist, dann ist Mama doch für mich da, oder?
Yasemin fühlte sich an solchen Tagen wie zerrissen. Bei der Arbeit hatte sie das Gefühl, nicht konzentriert genug zu sein. Bei Elias hatte sie das Gefühl, ihn ständig wegzuschicken. Am Abend war sie erschöpft und hatte trotzdem den Eindruck, keinem gerecht geworden zu sein.
Ein Gespräch nach dem Drachen
Am Abend nach der Videokonferenz setzte sie sich zu Elias auf den Teppich in seinem Zimmer. Der Drache lag neben ihm, ein Flügel war abgeknickt. „Es tut mir leid, dass ich dich vorhin rausgeschickt habe“, sagte sie. „Ich möchte deinen Drachen jetzt richtig sehen.“
Elias zeigte ihn ihr, zuerst zögerlich, dann immer begeisterter. Der Drache hatte einen Namen, Feuerzahn, und er konnte fliegen, wenn man ihn an der Wolle über dem Kopf herumschwang. Yasemin bewunderte ihn ausgiebig.
Dann fragte sie: „Elias, wie ist das für dich, wenn ich im Arbeitszimmer bin und die Tür zu ist?“
Elias dachte nach. „Doof“, sagte er. „Ich weiß nie, ob ich reindarf. Manchmal sagst du ja, und manchmal sagst du nein. Und dann bist du böse.“
„Ich bin nicht böse“, sagte Yasemin. Dann hielt sie inne. „Na ja. Manchmal bin ich gestresst. Und das sieht vielleicht aus wie böse.“
Die Ampel
An diesem Abend, als Daniel von der Schicht kam, setzten sie sich zu dritt an den Küchentisch und überlegten. Das Problem war nicht, dass Elias störte. Das Problem war, dass er nicht wissen konnte, wann er störte. Für ihn sah die geschlossene Tür immer gleich aus.
Daniel hatte die Idee mit der Ampel. Er schnitt aus einem Stück Pappe drei Kreise aus, Elias malte sie rot, gelb und grün an, und sie befestigten sie an einem Band, das an der Türklinke des Arbeitszimmers hing. Ein Pfeil aus Pappe, mit einer Wäscheklammer befestigt, zeigte die aktuelle Farbe an.
Grün bedeutete: Komm rein, Mama hat Zeit für dich. Gelb bedeutete: Mama arbeitet, aber du darfst anklopfen, wenn es wichtig ist, und kurz etwas fragen. Rot bedeutete: Mama ist in einer Besprechung oder einem Telefonat, bitte nicht reinkommen. „Außer“, sagte Daniel, „bei einem Notfall. Wenn du dir wehgetan hast oder etwas Schlimmes passiert ist, darfst du immer rein. Auch bei Rot.“
„Was ist ein Notfall?“, fragte Elias.
Sie machten eine Liste. Blut war ein Notfall. Feuer war ein Notfall. Wenn jemand an der Tür klingelt, den Elias nicht kannte, war ein Notfall. Ein fertiger Drache war kein Notfall. „Den zeigst du mir, wenn die Ampel wieder grün ist“, sagte Yasemin. „Und dann schau ich ihn mir richtig an.“
Die Viertelstunde
Die Ampel allein reichte nicht. Elias musste auch wissen, wann die Ampel grün werden würde. Also führten sie eine zweite Regel ein: die Elias-Viertelstunde. Jeden Tag um drei Uhr, egal was auf Yasemins Arbeitsliste stand, schaltete sie die Ampel auf Grün, klappte den Laptop zu und verbrachte fünfzehn Minuten nur mit Elias. Sie spielten Uno, bauten mit Lego, gingen einmal um den Block oder aßen zusammen einen Apfel auf dem Balkon. Elias durfte bestimmen, was sie machten.
Yasemin trug die Viertelstunde in ihren Arbeitskalender ein, als „Termin E.“, damit niemand eine Besprechung darauf legte. Zuerst fand sie es merkwürdig, ihren eigenen Sohn in einen Kalender zu schreiben. Dann merkte sie, wie gut es tat.
Für die anderen Stunden bekam Elias eine Kiste mit Dingen, die er allein machen konnte: Malbücher, Hörbücher, Bastelsachen, ein Puzzle mit fünfhundert Teilen, an dem er wochenlang arbeitete. Daniel richtete ihm an den Tagen, an denen er Frühschicht hatte und nachmittags zu Hause war, eine Spielverabredung mit Freunden ein. Und dienstags und donnerstags ging Elias nach der Schule in die Betreuung, wo er mit anderen Kindern im Garten spielen konnte.
Der Tag mit dem Knie
Drei Wochen nach der Einführung der Ampel hatte Yasemin ein wichtiges Gespräch mit der Geschäftsleitung. Die Ampel stand auf Rot. Nach zwanzig Minuten flog die Tür auf, und Elias stand da, mit Tränen im Gesicht und einem blutenden Knie. Er war auf dem Balkon über einen Blumentopf gestolpert.
Yasemin entschuldigte sich, schaltete Kamera und Mikrofon aus und kümmerte sich um Elias. Sie wusch das Knie, klebte ein Pflaster darauf und nahm ihn in den Arm, bis er sich beruhigt hatte. Dann schaltete sie die Kamera wieder ein, mit Elias auf dem Schoß. „Entschuldigung“, sagte sie. „Ein Notfall.“
Der Geschäftsführer, ein Mann Ende fünfzig, den Yasemin bisher nur als streng und förmlich kannte, beugte sich vor. „Was ist passiert, junger Mann?“, fragte er. Elias erzählte ausführlich von dem Blumentopf. Der Geschäftsführer nickte ernst. „Ich habe drei Enkel“, sagte er dann. „Der Kleinste ist letzte Woche vom Klettergerüst gefallen. Pflaster mit Dinosauriern hilft am besten.“
Elias strahlte. Yasemin hätte fast gelacht. Das Gespräch ging weiter, und Elias saß still auf ihrem Schoß, bis er sich nach fünf Minuten langweilte und hinausging. An der Tür drehte er sich um und drehte den Pfeil der Ampel wieder auf Rot.
Für euren Alltag
Homeoffice kann Familien mehr Flexibilität und gemeinsame Zeit schenken. Für Kinder ist es aber oft verwirrend, wenn ein Elternteil zwar zu Hause, aber nicht verfügbar ist. Klare Signale, verlässliche gemeinsame Zeiten und gute Alternativen helfen allen. Was Elias' Familie geholfen hat:
- Verfügbarkeit sichtbar machen. Eine Ampel oder ein Schild an der Tür zeigt Kindern, wann sie stören dürfen und wann nicht. Das gibt Sicherheit statt Unsicherheit.
- Notfälle klar definieren. Kinder sollten genau wissen, wann sie immer kommen dürfen. Das nimmt ihnen die Angst, im Ernstfall nicht stören zu dürfen.
- Feste gemeinsame Zeiten einplanen. Eine verlässliche Viertelstunde am Tag, die im Kalender steht, ist für Kinder oft wertvoller als viele unterbrochene Minuten.
- Alternativen anbieten. Eine Kiste mit Beschäftigungsmaterial, Spielverabredungen oder Betreuungsangebote überbrücken die Arbeitszeiten.
- Realistisch planen. Mit einem Grundschulkind zu Hause ist nicht jeder Arbeitstag gleich produktiv. Wichtige Besprechungen lassen sich manchmal auf Zeiten legen, in denen das Kind betreut ist.
- Offen mit dem Arbeitgeber sprechen. Viele Vorgesetzte und Kollegen haben selbst Kinder und mehr Verständnis, als man vermutet.
Zum Gespräch mit euren Kindern
- Wie fühlt es sich an, wenn ich zu Hause bin, aber arbeiten muss?
- Was wäre für dich ein echter Notfall, bei dem du mich immer stören darfst?
- Was möchtest du in unserer gemeinsamen Viertelstunde am liebsten machen?
- Womit beschäftigst du dich gern allein, wenn ich keine Zeit habe?