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ZUVIKZuhause, viel Kinderlachen

Emil und die Zuckertüte

Emil kommt in die Schule, die Zuckertüte ist fast so groß wie er, und alle freuen sich – nur Emil nicht. Über Ängste vor dem ersten Schultag, einen Probelauf und das Recht auf Ruhe.

Die Zuckertüte stand seit einer Woche im Wohnzimmer, in einer Ecke hinter dem Sofa, eingewickelt in ein Bettlaken. Emil durfte sie nicht ansehen, so lautete die Abmachung. Aber er sah ihre Spitze unter dem Laken hervorlugen, blau mit silbernen Sternen, und er wusste, dass sie fast so groß war wie er selbst.

Oma Karin hatte sie gebastelt, in Pirna, aus Pappe und Krepppapier und mit einer Geduld, die Emils Mutter Franziska bewunderte. „Für meinen ersten Enkel zur Schule“, hatte sie gesagt, „da mach ich das nicht aus dem Laden.“ Sie hatte drei Wochen daran gearbeitet.

Emil, sechs Jahre alt, sollte am Samstag in einer Grundschule in Dresden-Striesen eingeschult werden. Die ganze Familie freute sich darauf. Oma Karin und Opa Dieter kamen aus Pirna, Tante Susi aus Chemnitz, und Emils Vater Robert hatte im Garten des Hauses, in dem sie wohnten, einen Tisch für zwanzig Personen geplant, mit Kuchen, Bratwürsten und Kartoffelsalat.

Nur Emil freute sich nicht.

Was Emil nachts denkt

Emil sagte es nicht direkt. Er sagte nur Dinge wie „Ich will nicht so früh aufstehen“ oder „Kann ich nicht noch ein Jahr in die Kita?“ Er schlief schlechter als sonst, kam nachts zu seinen Eltern ins Bett, und er hatte Bauchschmerzen, die kamen und gingen. Der Kinderarzt fand nichts. „Das ist oft die Aufregung“, sagte er freundlich und sah Emil über die Brille hinweg an. „Das geht vorbei.“

Franziska sprach mit Emil am Abend, als sie zusammen auf seinem Bett lagen und das Licht schon aus war. Im Dunkeln redete Emil leichter. „Was ist das Schwierigste an der Schule, wenn du daran denkst?“, fragte sie.

Emil schwieg so lange, dass sie dachte, er sei eingeschlafen. Dann kam es, eins nach dem anderen. Dass er noch nicht lesen konnte, aber sein Freund Jakob aus der Kita schon. Dass die Schule so groß war und er sich bestimmt verlaufen würde. Dass er nicht wusste, wo die Toilette war, und was passierte, wenn er mitten in der Stunde musste. Dass er niemanden kannte, weil Jakob in eine andere Schule ging. Und dass die Lehrerin vielleicht streng war.

„Und die Zuckertüte?“, fragte Franziska. „Freust du dich da nicht drauf?“

„Doch“, sagte Emil. „Aber die Zuckertüte geht ja nicht mit in die Schule. Nur am ersten Tag.“

Ein Probelauf

Franziska und Robert beschlossen, Emils Sorgen eine nach der anderen ernst zu nehmen. Am Montag vor der Einschulung riefen sie im Sekretariat der Schule an und fragten, ob sie mit Emil einmal vorbeikommen dürften. Die Sekretärin, Frau Lehmann, war sofort einverstanden. „Am Donnerstag sind die Lehrer da und bereiten die Klassenzimmer vor. Kommen Sie um zehn.“

Am Donnerstag gingen sie den Schulweg gemeinsam ab, zu Fuß, zwölf Minuten, an einer Bäckerei, einer großen Kastanie und einem Zebrastreifen vorbei. Emil zählte die Schritte bis zum Schultor, bis er sich verzählte. In der Schule zeigte Frau Lehmann ihnen das Erdgeschoss, wo die ersten Klassen untergebracht waren. Sie zeigte ihnen die Toiletten, gleich neben dem Klassenzimmer, mit kleinen Waschbecken auf Kinderhöhe. „Wenn du mal musst“, sagte sie zu Emil, „dann meldest du dich und sagst es einfach. Das macht hier jeder.“

Dann kam eine Frau mit einem Karton voller Namensschilder aus einem der Zimmer. Sie hatte graue Locken und eine Brille an einer bunten Kette. „Du musst Emil sein“, sagte sie. „Ich bin Frau Schubert, deine Klassenlehrerin. Möchtest du sehen, wo du sitzen wirst?“

Emil durfte sich seinen Platz anschauen, zweite Reihe am Fenster, mit seinem Namen auf einem Schild in Form eines Apfels. Er durfte die große Tafel anfassen und an das Fenster gehen, von dem aus man den Schulhof mit dem Klettergerüst sah. Frau Schubert erzählte ihm, dass in der ersten Klasse niemand lesen können müsse. „Dafür bin ich ja da“, sagte sie. „Sonst wäre ich ganz arbeitslos.“

Auf dem Heimweg war Emil still, aber eine andere Art von still. An der großen Kastanie blieb er stehen und hob eine auf. „Die nehm ich am Samstag mit“, sagte er. „Als Glücksbringer.“

Die Schuleinführung

Am Samstag trug Emil ein neues Hemd, das kratzte, und eine Hose, die ihm Oma Karin gekauft hatte. Die Kastanie war in seiner Hosentasche. Die Schuleinführung begann um zehn Uhr in der Turnhalle der Schule, die voller Familien war, mit Großeltern, Tanten, Onkeln und Kameras. Die Schulleiterin hielt eine Rede, die Emil nicht verstand. Dann führten die Zweitklässler ein Theaterstück auf, über einen Raben, der nicht fliegen wollte, und Emil lachte an zwei Stellen laut.

Danach wurden die neuen Klassen aufgerufen. Emil musste nach vorn gehen, allein, ohne Mama und Papa. Er umklammerte die Kastanie in seiner Tasche. Frau Schubert stand mit einem Schild „1b“ vorne und lächelte ihm zu, und als er bei ihr ankam, stand neben ihm ein Junge mit Sommersprossen und einer Zahnlücke, der ihm zuflüsterte: „Ich bin Malik. Ich kann auch noch nicht lesen.“

Die Kinder gingen mit Frau Schubert in ihr Klassenzimmer, zu ihrer ersten Schulstunde, die eine halbe Stunde dauerte. Sie malten ein Bild von sich selbst und klebten es an die Wand. Emil malte sich mit einer Kastanie in der Hand.

Als die Klasse zurück in die Turnhalle kam, wartete die Familie mit der Zuckertüte. Oma Karin hatte Tränen in den Augen, als Emil sie bekam. Die Tüte war so schwer, dass Robert sie halten musste, damit Emil nicht umfiel. Für das Foto musste Emil fünfmal lächeln.

Zu viel

Am Nachmittag im Garten war es dann zu viel. Zwanzig Erwachsene, die alle etwas von Emil wollten: ein Foto, eine Umarmung, eine Antwort auf die Frage, wie es in der Schule war. Tante Susi wollte wissen, ob er schon die Lehrerin mochte. Opa Dieter wollte ihm zeigen, wie man das Etui richtig einräumt. Ein Nachbar fragte, ob er schon seinen Namen schreiben könne.

Emil verschwand. Franziska fand ihn nach zehn Minuten in seinem Zimmer, unter der Bettdecke, mit der Zuckertüte neben sich, die er noch nicht einmal ausgepackt hatte. „Ich will nicht mehr reden“, sagte er.

Franziska setzte sich zu ihm. Sie dachte an den Kuchen, an die Gäste, an Oma Karin, die bestimmt gleich nach Emil fragen würde. Dann sagte sie: „Okay. Du musst nicht mehr reden. Willst du die Zuckertüte allein auspacken? Nur wir zwei?“

Emil nickte. Sie packten die Tüte gemeinsam aus, langsam, Stück für Stück: Buntstifte, ein Buch über Dinosaurier, eine Taschenlampe, Gummibärchen, eine Brotdose mit einem Raben darauf und ganz unten ein kleiner Brief von Oma Karin, den Franziska vorlas. „Lieber Emil, Lernen ist wie Klettern. Am Anfang ist es schwer, aber dann kann man immer weiter gucken.“

Nach einer halben Stunde ging Emil zurück in den Garten, aß ein Stück Kuchen und zeigte Oma Karin die Rabenbrotdose. Dann spielte er mit seinem Cousin Fußball, bis es dunkel wurde. Niemand fragte ihn mehr, wie es in der Schule war. Und gerade deshalb erzählte er es von selbst, beim Abendessen, ausführlich und mit dem Mund voller Bratwurst: von Frau Schubert, von dem Raben, der nicht fliegen wollte, und von Malik, der auch noch nicht lesen konnte.

Für euren Alltag

Der erste Schultag ist für viele Kinder aufregend und schön – und manchmal auch beängstigend. Hinter Bauchschmerzen, schlechtem Schlaf oder dem Wunsch, „noch ein Jahr in die Kita“ zu gehen, stecken oft ganz konkrete Sorgen. Was Emils Familie geholfen hat:

  • Die Sorgen einzeln anhören. Ein ruhiger Moment, etwa abends im Dunkeln, hilft Kindern, ihre Ängste auszusprechen. Oft sind es kleine, sehr praktische Dinge, etwa die Frage nach der Toilette.
  • Die Schule vorher besuchen. Viele Schulen ermöglichen einen kurzen Besuch vor dem ersten Tag. Den Raum, die Toiletten und die Lehrkraft schon einmal gesehen zu haben, nimmt viel Unsicherheit.
  • Den Schulweg üben. Gemeinsames Abgehen, mit festen Wegmarken wie einem Baum oder einer Bäckerei, gibt Orientierung.
  • Klarstellen, dass niemand alles können muss. Lesen, Schreiben, Rechnen lernt man in der Schule. Das zu hören, entlastet Kinder, die sich mit anderen vergleichen.
  • Rückzug erlauben. Eine große Familienfeier kann für ein aufgeregtes Kind überwältigend sein. Ein ruhiger Moment allein oder mit einem Elternteil zwischendurch hilft oft mehr als jedes Programm.
  • Nicht ausfragen. Kinder erzählen oft von selbst, wenn sie nicht ständig gefragt werden. Geduld lohnt sich.

Zum Gespräch mit euren Kindern

  • Worauf freust du dich in der Schule, und was macht dir vielleicht ein bisschen Sorgen?
  • Was würde dir helfen, wenn du dich in der Schule einmal verlaufen würdest?
  • Was könnte dein Glücksbringer für den ersten Schultag sein?
  • Was machst du, wenn dir alles zu viel wird, und was dürfen wir dann tun, um dir zu helfen?

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