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ZUVIKZuhause, viel Kinderlachen

Die Eingewöhnung

Ida ist vierzehn Monate alt und soll in die Krippe, und ihre Mutter hat schon vor dem ersten Tag ein schlechtes Gewissen. Über Abschiede, Tränen und Vertrauen zu einem neuen Menschen.

Johanna hatte die Tasche schon am Abend vorher gepackt: Wechselwäsche, Windeln, Hausschuhe mit Gummisohle, ein Foto der Familie für die Garderobe und Schnuffi, das Kuscheltuch, das aussah wie ein platt getretener Hase. Sie hatte alles dreimal kontrolliert. Trotzdem lag sie in der Nacht vor dem ersten Krippentag bis halb drei wach.

Ida, vierzehn Monate alt, schlief im Kinderbett nebenan, auf dem Bauch, den Po in die Luft gestreckt. Sie wusste nicht, dass am nächsten Morgen etwas Neues beginnen würde. Johanna wusste es dafür umso genauer.

Ein Jahr und zwei Monate

Johanna war Bauingenieurin in einem Planungsbüro in Münster. Nach Idas Geburt hatte sie vierzehn Monate Elternzeit genommen, ihr Mann Ben zwei. Jetzt sollte sie zurück ins Büro, zunächst mit fünfundzwanzig Stunden pro Woche. Den Krippenplatz hatten sie nach einer langen Suche bekommen, in einer kleinen Kita drei Straßen weiter, mit einem Garten voller Sandkästen und einer Gruppe von zehn Kindern unter drei Jahren.

Sie hatte sich auf die Rückkehr in den Beruf gefreut. Auf Gespräche mit Erwachsenen, auf Pläne, auf das Gefühl, etwas zu schaffen, das nicht nach einer Stunde wieder vollgekleckert war. Aber je näher der erste Krippentag rückte, desto lauter wurde eine andere Stimme in ihr: Was, wenn Ida weint? Was, wenn sie denkt, ich lasse sie im Stich? Was für eine Mutter gibt ihr Kind mit vierzehn Monaten in fremde Hände?

Ihre eigene Mutter hatte das nicht gerade leichter gemacht. „Ich war drei Jahre mit euch zu Hause“, hatte sie gesagt, ohne Vorwurf in der Stimme, aber Johanna hatte trotzdem einen gehört.

Die ersten drei Tage

Die Kita arbeitete nach dem Berliner Eingewöhnungsmodell, das hatte die Leiterin beim Aufnahmegespräch erklärt. In den ersten drei Tagen würde Johanna mit Ida jeweils eine Stunde in der Gruppe bleiben, ohne sich zu verabschieden. Sie sollte in einer Ecke sitzen, ansprechbar, aber passiv, damit Ida die neue Umgebung von einem sicheren Hafen aus erkunden konnte. Erst am vierten Tag würde es eine erste kurze Trennung geben.

Idas Bezugserzieherin hieß Merve. Sie war Ende zwanzig, hatte ein ruhiges, freundliches Gesicht und eine Art, sich auf den Boden zu setzen, die Kinder sofort neugierig machte. Am ersten Tag klammerte sich Ida an Johannas Bein und beobachtete Merve misstrauisch. Am zweiten Tag krabbelte sie bis zur Spielküche und kam alle zwei Minuten zurück, um sich zu vergewissern, dass ihre Mutter noch da war. Am dritten Tag nahm sie von Merve einen Holzlöffel entgegen und gab ihn ihr wieder, ein Spiel, das sie zwanzig Minuten lang wiederholten.

Johanna saß in der Ecke auf einem Kinderstuhl, die Knie fast am Kinn, und sah zu. Sie war stolz auf Ida. Und gleichzeitig spürte sie einen kleinen, unvernünftigen Stich, jedes Mal, wenn Ida bei Merve lachte.

Der vierte Tag

Am vierten Tag sollte Johanna sich nach zehn Minuten verabschieden und den Raum für eine halbe Stunde verlassen. Merve hatte ihr erklärt, wie das gehen sollte: kurz und klar. Nicht heimlich verschwinden, sondern Tschüss sagen, ein Küsschen, und dann gehen, auch wenn Ida weint. „Wenn sie sich von Merve trösten lässt, ist das ein gutes Zeichen“, hatte die Leiterin gesagt. „Wenn nicht, holen wir Sie nach ein paar Minuten zurück.“

Johanna kniete sich vor Ida hin, die gerade Bauklötze in einen Eimer warf. „Ida, Mama geht jetzt kurz raus. Ich komme gleich wieder.“ Ida sah sie an, mit großen Augen, und verstand offenbar sehr genau, was das bedeutete. Ihr Gesicht verzog sich. Sie streckte die Arme aus.

Johanna ging. Sie hörte Ida schon im Flur weinen, ein hohes, verzweifeltes Weinen, das ihr durch den ganzen Körper fuhr. Sie stand vor der Tür, die Hand auf der Klinke, und kämpfte mit sich. Nach vier Minuten kam Merve heraus. „Sie lässt sich noch nicht trösten. Kommen Sie wieder rein.“

Ida beruhigte sich in Johannas Armen sofort. Johanna beruhigte sich nicht. Auf dem Heimweg weinte sie selbst, leise, hinter der Sonnenbrille.

Die Angst, die mitgeht

Am Abend saß sie mit Ben am Küchentisch. „Vielleicht ist sie noch nicht so weit“, sagte Johanna. „Vielleicht sollte ich noch ein halbes Jahr zu Hause bleiben.“

Ben hörte zu und sagte dann etwas Vorsichtiges. „Darf ich ehrlich sein? Ich glaube, Ida ist eher so weit als du.“

Johanna wollte widersprechen. Aber Ben erzählte ihr, was Merve ihm am Telefon gesagt hatte, als er nachmittags angerufen hatte, um nachzufragen: Ida habe nach Johannas Rückkehr noch fast eine Stunde fröhlich gespielt und dabei mehrmals Merve ein Buch gebracht. „Kinder spüren sehr genau, wie es ihren Eltern beim Abschied geht“, hatte Merve gesagt. „Das ist kein Vorwurf. Das ist ganz normal. Aber manchmal hilft es, wenn der andere Elternteil die Eingewöhnung für ein paar Tage übernimmt.“

Ben nahm sich die folgende Woche frei. Johanna fiel das schwer. Es fühlte sich an, als würde sie aufgeben. Aber sie willigte ein.

Ein Abschiedsritual

Ben machte es anders als Johanna. Nicht besser, sagte er später, nur anders. Er setzte sich nicht in die Ecke, sondern spielte die ersten Minuten mit Ida und Merve zusammen, als wäre Merve eine alte Freundin. Dann entwickelten die beiden ein Ritual, das Ida gefiel: Papa und Ida gingen zusammen zum Fenster, Papa ging hinaus, und Ida winkte ihm mit Merve vom Fenster aus zu, bis er um die Ecke verschwunden war. Schnuffi kam immer mit zum Fenster.

Am ersten Tag weinte Ida trotzdem, aber nach drei Minuten ließ sie sich von Merve auf den Schoß nehmen. Am zweiten Tag weinte sie kurz und spielte dann weiter. Am dritten Tag winkte sie, und Ben sah vom Gehweg aus, wie sie danach mit Merve zur Spielküche lief. Er schickte Johanna ein Foto vom Fenster. Johanna sah es sich im Büro an, auf ihrem ersten Arbeitstag, und musste schon wieder weinen, aber diesmal anders.

Nach drei Wochen

Nach drei Wochen brachte Johanna Ida zum ersten Mal wieder selbst. Sie hatte Angst, dass alles von vorne beginnen würde. Sie machte das Ritual, wie Ben es ihr gezeigt hatte: Hausschuhe an, Schnuffi in die Hand, zusammen zum Fenster. „Tschüss, Mama kommt nach dem Mittagsschlaf.“

Ida sah sie an, streckte kurz die Arme aus und ließ sie dann wieder sinken. Merve kniete sich neben sie. Ida drehte sich zu Merve und sagte etwas, das wie „Bauen“ klang. Dann winkte sie.

Johanna ging die drei Straßen ins Büro und spürte etwas, das sie nicht erwartet hatte: Erleichterung. Und, darunter, ein bisschen Wehmut. Beides durfte sein, dachte sie.

Als sie Ida am Nachmittag abholte, lief Ida ihr mit ausgestreckten Armen entgegen und rief „Mama!“. Merve erzählte, dass Ida im Sandkasten einen Kuchen für alle gebacken und beim Mittagessen zum ersten Mal mit dem Löffel allein gegessen habe. „Fast allein“, korrigierte sie sich lachend und zeigte auf Idas Pullover.

Für euren Alltag

Die Eingewöhnung in Krippe oder Kita ist für viele Familien eine emotionale Zeit. Kinder müssen Vertrauen zu einer neuen Bezugsperson aufbauen, Eltern müssen lernen, loszulassen. Tränen gehören oft dazu, auf beiden Seiten. Was Idas Familie geholfen hat:

  • Genug Zeit einplanen. Eine Eingewöhnung dauert häufig zwei bis vier Wochen, manchmal länger. Wer den Berufseinstieg nicht auf den ersten Krippentag legt, nimmt viel Druck heraus.
  • Nicht heimlich gehen. Ein klarer, kurzer Abschied ist für Kinder verlässlicher als ein unbemerktes Verschwinden, auch wenn er Tränen kostet.
  • Ein Abschiedsritual entwickeln. Winken am Fenster, ein bestimmter Satz, ein Kuscheltier: Wiederkehrende Abläufe geben Kindern Sicherheit.
  • Über die eigenen Gefühle sprechen. Schuldgefühle und Trennungsschmerz sind normal. Es hilft, sie mit dem Partner, der Erzieherin oder anderen Eltern zu teilen, statt sie allein zu tragen.
  • Den anderen Elternteil einbeziehen. Manchmal fällt die Trennung leichter, wenn ein anderes vertrautes Familienmitglied die Eingewöhnung übernimmt. Das ist keine Niederlage, sondern eine Möglichkeit.
  • Der Erzieherin vertrauen. Fachkräfte haben viele Eingewöhnungen begleitet und erkennen, wann ein Kind bereit ist. Fragt nach, lasst euch berichten und bleibt im Gespräch.

Zum Gespräch mit euren Kindern

Bei sehr kleinen Kindern sind es weniger Gespräche als gemeinsame Momente. Mit älteren Geschwistern oder Kindergartenkindern, die vor einem Wechsel stehen, könnt ihr fragen:

  • Wie war das, als du zum ersten Mal in die Kita gegangen bist? Woran erinnerst du dich?
  • Was hilft dir, wenn du dich von Mama oder Papa verabschieden musst?
  • Welches Kuscheltier oder welcher Gegenstand gibt dir Mut, wenn etwas neu ist?
  • Wie könnte man einem kleinen Kind helfen, das in der Kita neu ist und weint?

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