Der Gutenachtkönig: Wie Luis das Einschlafen lernte
Jeden Abend kommt Luis fünfmal aus dem Bett: Durst, Pipi, ein Geräusch, ein Monster. Über Ängste im Dunkeln, ein Ritual mit Krone und warum Kinder abends Verlässlichkeit brauchen.
Der erste Auftritt kam meistens um 19:52 Uhr. Die Tür zum Wohnzimmer öffnete sich einen Spalt, und ein kleines Gesicht schob sich hindurch. „Ich hab Durst.“ Katrin Lehmann stand auf, holte ein Glas Wasser, brachte Luis zurück ins Bett, deckte ihn zu. Um 20:05 Uhr: „Ich muss Pipi.“ Um 20:20 Uhr: „Da war ein Geräusch.“ Um 20:41 Uhr: „Ich kann nicht schlafen.“ Und um 21:10 Uhr, wenn Katrin und ihre Frau Jana endlich auf dem Sofa saßen, stand Luis noch einmal in der Tür, diesmal mit Tränen: „In meinem Schrank wohnt was.“
Luis war fünf, und seit dem Umzug in die neue Wohnung in Leipzig war das Einschlafen zu einem abendfüllenden Programm geworden. In der alten Wohnung hatte er geschlafen wie ein Stein. Hier gab es einen Kleiderschrank mit einer Tür, die nie ganz schloss, eine Straßenlaterne, deren Licht durch die Vorhänge Muster an die Decke warf, und Geräusche, die er nicht kannte.
Die Abende, an denen alle verloren
Katrin und Jana hatten alles versucht. Sie hatten mit Luis geschimpft, was ihn zum Weinen brachte und den Abend noch länger machte. Sie hatten sich zu ihm gelegt, bis er schlief, und waren dabei selbst eingeschlafen, angezogen, mit Kontaktlinsen in den Augen. Sie hatten ihm versprochen, dass es keine Monster gibt, was er nicht glaubte. Und sie hatten, an einem besonders müden Abend, gesagt: „Wenn du noch einmal rauskommst, gibt es morgen kein Fernsehen“, was zur Folge hatte, dass Luis zwar nicht mehr herauskam, aber eine Stunde lang leise in sein Kissen weinte.
„Wir machen jeden Abend etwas anderes“, stellte Jana fest, als sie wieder einmal um halb zehn erschöpft am Küchentisch saßen. „Mal sind wir streng, mal weich, mal liegen wir bei ihm, mal nicht. Woher soll er wissen, was gilt?“
Sie hatte recht. Das Einzige, was jeden Abend verlässlich gleich war, war das Chaos.
Ein Ritual mit Krone
Den Anstoß gab ausgerechnet Luis selbst. Beim Aufräumen fand er eine Pappkrone vom letzten Kindergeburtstag. Er setzte sie auf und erklärte: „Ich bin der König vom Kinderzimmer.“
Katrin hatte eine Idee. „Weißt du, was ein König jeden Abend macht? Er kontrolliert sein Königreich, bevor er schläft.“ Luis' Augen leuchteten.
So entstand das Ritual des Gutenachtkönigs. Jeden Abend, nach dem Zähneputzen, setzte Luis die Krone auf und machte mit einer Taschenlampe seinen Rundgang. Er leuchtete in den Schrank (leer), unter das Bett (eine Socke, ein Legostein, sonst nichts), hinter den Vorhang (die Laterne, „die passt auf die Straße auf“). Danach erklärte er sein Königreich für sicher, legte die Krone auf den Nachttisch und kroch ins Bett.
Dann kam der zweite Teil: immer dasselbe Buch, immer dasselbe Lied, immer dieselben drei Fragen. Was war heute schön? Was war blöd? Worauf freust du dich morgen?
Der Wasserbecher und die Zauberformel
Blieben die Ausreden. Katrin und Jana kannten sie inzwischen alle und beschlossen, ihnen zuvorzukommen. Neben das Bett kam ein Becher mit Deckel und Wasser. Vor dem Rundgang ging Luis noch einmal auf die Toilette, ganz selbstverständlich als Teil des Rituals. Und für die Geräusche bekamen sie eine Formel, die Jana sich ausgedacht hatte: „Das ist die Wohnung, die schläft auch ein.“ Wenn Luis ein Knacken hörte, durfte er sie leise aufsagen.
Das Wichtigste aber war eine Abmachung, die sie mit Luis am Nachmittag besprachen, nicht am Abend, wenn alle müde waren. „Wir kommen noch einmal zu dir und schauen nach dir, wenn du schon im Bett liegst“, versprach Katrin. „Du musst nicht rauskommen. Wir kommen.“
Sie hielten Wort. Fünf Minuten nach dem Gutenachtkuss öffnete eine von beiden leise die Tür, streichelte ihm über den Kopf, sagte „Alles gut, König“ und ging wieder. Nach zehn Minuten noch einmal. Die Abstände wurden mit der Zeit größer. Und an vielen Abenden schlief Luis beim zweiten Besuch schon.
Die Nächte, die schwer blieben
Es gab Rückschläge. Als Luis eine Mittelohrentzündung hatte, warf die Krankheit alles durcheinander, und für ein paar Nächte schlief er wieder bei seinen Müttern im Bett. Als im Kindergarten ein Kind von Gespenstern erzählte, kam die Angst vor dem Schrank zurück. Und an Abenden, an denen er tagsüber zu wenig draußen gewesen war, war er schlicht nicht müde.
Aber Katrin und Jana hatten etwas gelernt: Ein schlechter Abend war kein Beweis dafür, dass das Ritual versagt hatte. Er war ein schlechter Abend. Am nächsten Tag kam die Krone wieder auf, der Rundgang wurde wieder gemacht, und das Königreich wurde wieder für sicher erklärt.
Als die Großeltern zu Besuch kamen
Eine Bewährungsprobe kam im Frühjahr, als Janas Eltern für ein Wochenende auf Luis aufpassten, während seine Mütter auf einer Hochzeit tanzten. Opa Werner hielt nicht viel von Ritualen. „Bei uns ist man früher einfach ins Bett gegangen“, sagte er am Telefon, und Jana konnte förmlich hören, wie er die Augen verdrehte.
Trotzdem schrieb Katrin den Ablauf auf einen Zettel: Zähneputzen, Toilette, Krone, Rundgang mit Taschenlampe, das Buch vom kleinen Bären, das Lied vom Mond, drei Fragen, Gutenachtkuss, nach fünf Minuten noch einmal nachsehen. Opa Werner las den Zettel mit gerunzelter Stirn.
Am Sonntagabend, als die beiden Frauen zurückkamen, saß Opa Werner zufrieden in der Küche. „Er hat mir alles erklärt“, berichtete er. „Ich musste die Krone tragen, weil ich der Gast-König war. Wir haben zusammen in den Schrank geleuchtet. Beim dritten Nachsehen hat er schon geschlafen.“ Er schwieg einen Moment, dann setzte er hinzu: „Eure Mutter hätte so etwas bei dir auch gebraucht, Jana. Du hast als Kind auch jede Nacht ein Gespenst gehabt.“
Jana lachte. Daran erinnerte sie sich gar nicht mehr. Aber es tröstete sie, dass Luis' Ängste keine Folge von irgendetwas waren, das sie falsch gemacht hatten. Sie gehörten einfach zum Großwerden, so wie sie schon zu ihrem eigenen Großwerden gehört hatten.
Was die Krone eigentlich bedeutete
Monate später, Luis schlief inzwischen fast immer ohne Unterbrechung ein, fragte Jana ihn beim Rundgang: „Glaubst du noch, dass im Schrank was wohnt?“ Luis leuchtete hinein, überlegte und sagte: „Nein. Aber ich schau trotzdem nach. Ein König muss nachschauen.“
Jana verstand in diesem Moment, was das Ritual für ihn war. Es ging nie darum, ihn zu überzeugen, dass es keine Monster gibt. Es ging darum, dass er selbst etwas tun konnte gegen seine Angst. Und dass er sich darauf verlassen konnte, dass jeden Abend dasselbe passiert, in derselben Reihenfolge, mit denselben Menschen, die versprochen hatten, noch einmal nach ihm zu sehen.
Für euren Alltag
Einschlafprobleme gehören zu den häufigsten Sorgen von Eltern kleiner Kinder. Nach Veränderungen wie einem Umzug, einem neuen Geschwisterkind oder dem Start in der Kita sind sie besonders verbreitet. Was Luis' Familie geholfen hat:
- Ein festes Abendritual. Immer dieselbe Reihenfolge, etwa Zähneputzen, Toilette, ein kurzes Ritual, ein Buch, ein Lied, ein Gespräch, gibt Kindern Sicherheit. Weniger ist dabei oft mehr: Ein Ritual, das zwanzig Minuten dauert, lässt sich durchhalten.
- Ängste ernst nehmen, nicht wegreden. „Es gibt keine Monster“ überzeugt viele Kinder nicht. Hilfreicher ist oft, dem Kind etwas in die Hand zu geben: eine Taschenlampe, einen Kontrollgang, eine Formel, ein Kuscheltier, das aufpasst.
- Den Ausreden zuvorkommen. Wasser in Reichweite, Toilettengang vor dem Zubettgehen, ein kleines Nachtlicht: Was Kinder brauchen, sollte schon da sein, bevor sie danach fragen müssen.
- Versprecht, nach dem Kind zu sehen, und haltet das Versprechen. Kinder, die wissen, dass ihre Eltern noch einmal kommen, müssen nicht selbst aufstehen, um sich zu vergewissern.
- Besprecht Regeln am Tag, nicht am Abend. Am Abend sind alle müde. Neue Abmachungen lassen sich am Nachmittag in Ruhe erklären.
- Achtet auf Tag und Bewegung. Viel Zeit draußen, Bewegung und eine ruhige Stunde vor dem Schlafengehen ohne Bildschirm erleichtern vielen Kindern das Einschlafen.
- Holt Rat bei anhaltenden Problemen. Wenn ein Kind über Wochen kaum schläft, nachts sehr oft aufwacht, schnarcht oder tagsüber auffällig erschöpft ist, sprecht mit eurer Kinderärztin oder eurem Kinderarzt.
Zum Gespräch mit euren Kindern
Fragt am Nachmittag, nicht am Abend: Was macht dir beim Einschlafen Angst? Was würde dir helfen, dich sicher zu fühlen? Lasst euer Kind mitbestimmen, wie sein Abendritual aussieht. Ein König, der sein eigenes Ritual erfunden hat, regiert es mit Stolz.