Ein Baby für Mila? Lieber nicht!
Mila hat sich ein Geschwisterchen gewünscht. Dann ist es da, schreit nachts und bekommt die ganze Aufmerksamkeit. Eine Geschichte über Eifersucht, Rückschritte und das Ritual der großen Schwester.
Monatelang hatte Mila sich auf das Baby gefreut. Sie hatte ihrer Mutter Nadine die Hand auf den runden Bauch gelegt und gespürt, wie es trat. Sie hatte Namen vorgeschlagen, „Einhorn“ und „Pommes“ und, nach langem Überlegen, „Paula“. Sie hatte ein Bild für das Babyzimmer gemalt und ihrem Teddy erklärt, dass er bald nicht mehr der Jüngste in der Familie sei.
Dann kam Paul. Nicht Paula, sondern Paul, und das war schon die erste Enttäuschung. Die zweite folgte schnell: Paul konnte nichts. Er konnte nicht spielen, nicht lachen, nicht einmal richtig gucken. Er schrie, trank, schlief und schrie wieder. Und alle Erwachsenen, wirklich alle, fanden ihn wunderbar.
Die Besucher und das kleine Wort „auch“
In den ersten Wochen kamen viele Besucher in die Wohnung der Familie Krüger in Nürnberg. Oma und Opa, Tante Lisa, die Nachbarin, Papas Kollegen. Alle brachten Geschenke für Paul mit: Strampler, Rasseln, ein Kuscheltier. Für Mila brachten einige etwas mit, andere nicht. Und fast alle sagten bei der Begrüßung zuerst: „Wo ist denn der Kleine?“ Erst danach, manchmal, fiel ihnen Mila ein. „Ach, und du bist jetzt große Schwester! Freust du dich auch so?“
Mila freute sich nicht. Sie sagte auch nichts. Aber Nadine bemerkte, dass Mila begann, sich zu verändern. Die Vierjährige, die seit einem Jahr trocken war, machte wieder in die Hose. Sie wollte nicht mehr selbst essen, sondern gefüttert werden. Sie sprach plötzlich in einer hohen Babystimme. Und als Nadine eines Abends Paul stillte, stellte sich Mila vor sie und sagte laut: „Bring ihn zurück ins Krankenhaus.“
Ein Abend mit Tränen
Nadines Mann Tim war an diesem Abend auf Geschäftsreise. Nadine war erschöpft, hatte seit Wochen keine Nacht durchgeschlafen, und Milas Satz traf sie mitten ins Herz. „So etwas sagt man nicht!“, fuhr sie Mila an. Mila rannte in ihr Zimmer und knallte die Tür zu. Dann weinte Paul, und Nadine weinte auch.
Später, als Paul schlief, setzte sich Nadine auf Milas Bettkante. Mila hatte sich unter der Decke versteckt. „Bist du noch wach?“ Ein leises „Ja“. Nadine schwieg eine Weile. Dann sagte sie etwas, das sie sich vorher überlegt hatte: „Weißt du, manchmal nervt mich Paul auch. Wenn er nachts schreit und ich so müde bin.“
Die Decke bewegte sich. Milas Gesicht tauchte auf. „Echt?“ – „Echt. Babys sind ganz schön anstrengend.“ Mila dachte nach. „Hast du mich trotzdem noch lieb?“ Nadine nahm sie in den Arm. „Ich habe dich genauso lieb wie vorher. Das wird nie weniger.“
Mila weinte noch ein bisschen, aber anders. Erleichtert.
Die Mila-Zeit
Am nächsten Tag rief Nadine ihre Hebamme an, die noch zur Nachsorge kam. Die Hebamme hörte zu und lächelte. „Was Mila macht, ist sehr häufig“, sagte sie. „Viele Kinder fallen nach der Geburt eines Geschwisters in frühere Verhaltensweisen zurück. Sie sehen, dass das Baby mit Babyverhalten Aufmerksamkeit bekommt, und probieren es selbst. Das gibt sich meistens wieder, wenn sie merken, dass sie ihren eigenen Platz behalten.“
Sie schlug vor, Mila jeden Tag eine feste Zeit zu geben, die nur ihr gehört. Keine lange, aber eine verlässliche. Als Tim zurückkam, setzten sie sich zusammen und erfanden die „Mila-Zeit“: Jeden Nachmittag, wenn Paul seinen Mittagsschlaf machte, gehörte eine halbe Stunde nur Mila. Sie durfte bestimmen, was sie machen: puzzeln, malen, vorlesen, toben. Kein Handy, kein Haushalt, kein Baby.
Mila war misstrauisch. Am ersten Tag fragte sie dreimal, ob Paul nicht doch aufwachen würde. Am zweiten Tag wählte sie ein Brettspiel und gewann. Am dritten Tag stand sie schon vor dem Mittagsschlaf neben ihrer Mutter und wartete.
Die große Schwester bekommt eine Aufgabe
Die zweite Idee kam von Tim. Er bemerkte, dass Mila Paul nie berührte. Sie sah ihn an, oft lange, aber sie fasste ihn nicht an. „Vielleicht hat sie Angst, etwas falsch zu machen“, sagte er.
Also bekam Mila eine Aufgabe, die nur sie hatte: Sie durfte Paul nach dem Baden mit der Babycreme die Füße eincremen. Tim zeigte es ihr, ganz langsam. Mila hielt den kleinen Fuß in ihrer Hand und verteilte die Creme mit großem Ernst. Paul strampelte. Mila kicherte. „Er ist kitzelig!“
Von da an war das Füßeeincremen Milas Job. Sie erinnerte ihre Eltern daran, wenn sie es vergaßen. Wenn Besuch kam, führte sie es vor. Und die Besucher, denen Nadine inzwischen vorher einen kleinen Hinweis gegeben hatte, sagten: „Wow, das kannst du schon? Du bist ja eine richtige große Schwester!“
Paul lacht
Der eigentliche Wendepunkt kam ein paar Wochen später. Mila hockte vor Pauls Wippe und schnitt Grimassen. Plötzlich verzog Paul das Gesicht, und dann lachte er. Ein richtiges, glucksendes Babylachen, das erste in seinem Leben. Und er lachte nicht Mama an, nicht Papa, sondern Mila.
Mila rannte durch die Wohnung. „Er hat mich angelacht! Mich zuerst!“ Sie erzählte es jedem, der Oma am Telefon, der Erzieherin im Kindergarten, der Nachbarin im Treppenhaus. Das Einnässen hatte da längst aufgehört. Die Babystimme kam nur noch, wenn sie Paul etwas vorsang.
Eifersüchtig war Mila manchmal immer noch. Wenn Paul ihren Turm umwarf, als er zu krabbeln begann, oder wenn er auf Papas Schoß saß, wo sie sitzen wollte. Aber das war eine andere Eifersucht. Eine, die man zwischen Geschwistern kennt. Nicht mehr die Angst, ersetzt worden zu sein.
Ein Jahr später
Zu Pauls erstem Geburtstag durfte Mila die Kerze auspusten, weil Paul es noch nicht konnte. Sie half ihm beim Auspacken der Geschenke und erklärte jedem Gast, welches Spielzeug Paul schon kannte und welches nicht. Als Oma Gisela fragte, ob sie sich noch erinnere, dass sie ihn einmal ins Krankenhaus zurückbringen wollte, wurde Mila rot. „Da war ich noch klein“, sagte sie würdevoll.
Nadine dachte an diesem Abend lange über das vergangene Jahr nach. Die Mila-Zeit gab es immer noch, auch wenn sie inzwischen manchmal ausfiel, wenn Paul krank war. Dann holten sie sie am nächsten Tag nach, denn Mila achtete streng darauf, dass keine Mila-Zeit verloren ging. Nadine war froh darüber. Es zeigte ihr, wie wichtig ihrer Tochter diese halbe Stunde war, und wie gut es gewesen war, sie so früh einzuführen.
Für euren Alltag
Die Geburt eines Geschwisterkindes ist für viele Kinder eine große Umstellung. Eifersucht, Wut oder Rückschritte in frühere Verhaltensweisen sind häufig und meistens vorübergehend. Was Milas Familie geholfen hat:
- Erlaubt gemischte Gefühle. Wenn ein Kind sagt, es wolle das Baby zurückgeben, drückt es meistens Angst aus, nicht Bosheit. Gefühle anzuerkennen („Das Baby ist ganz schön anstrengend, oder?“) hilft mehr als Tadel.
- Versichert eure Liebe ausdrücklich. Kinder brauchen die klare Botschaft, dass sie genauso geliebt werden wie vorher. Sagt es, auch wenn es selbstverständlich scheint.
- Schafft eine feste Exklusivzeit. Eine verlässliche halbe Stunde pro Tag, nur für das ältere Kind, ohne Baby und ohne Handy, gibt Sicherheit.
- Gebt eine eigene Aufgabe. Kleine, altersgerechte Aufgaben rund um das Baby, etwa Füße eincremen, eine Windel holen oder ein Lied singen, lassen das ältere Kind stolz werden.
- Bittet Besucher um Aufmerksamkeit für das ältere Kind. Ein kurzer Hinweis genügt oft: zuerst das große Kind begrüßen, vielleicht eine Kleinigkeit für beide mitbringen.
- Reagiert gelassen auf Rückschritte. Einnässen oder Babysprache geben sich meistens wieder, wenn das Kind sich sicher fühlt. Wenn Rückschritte lange anhalten oder euch Sorgen machen, sprecht mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt.
Zum Gespräch mit euren Kindern
Fragt das ältere Kind: Was ist schön daran, ein großes Geschwister zu sein? Und was ist blöd? Beide Antworten dürfen sein. Erzählt auch, wie es war, als es selbst ein Baby war. Viele Kinder hören gern, dass auch sie einmal so klein und so anstrengend waren.